Joachim Grzega's Blog

6. Mai 2009

Die Überlastung von Studierenden in modularisierten Studiengängen

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre, Sprachgeschichte — Schlagwörter: , , — grzega @ 08:21

Letzte Woche gab es am Ende meiner Einführung in die Sprachgeschichte fast Tränen. Die Studierenden des 1. Jahrgangs des modularisierten Systems machten mir deutlich, wie unglücklich sie mittlerweile mit dem System seien. Viele Dozenten böten isoliert betrachtet zwar spannende und sinnvolle Inhalte und Testmethoden, doch die Masse dieser Ideen führte dazu, dass man doch nur auf die Leistungsnachweise hinarbeite und die Freude am Inhalt und an Aha-Effekten so immer nur von kurzer Dauer sei. Die Vorbereitung auf die einzelne Kurse sei immens, der Effekt des Wissensbehaltens sei vergleichsweise gering.

Ich habe nun einmal nachgerechnet, was wäre, wenn alle Modulbeschreibungen ehrlich wären und die Dozenten auch ehrlich mit den Leistungspunkten im Sinne von 1 Lp = 30 reale Stunden umgingen. Nehmen wir großzügig an, dass in jedem Modul Teilleistungen in der vorlesungsfreien Zeit zu erbringen seien, z.B. durch eine Seminararbeit, und nehmen wir ferner ebenfalls großzügig an, dass dafür 2 Lp angesetzt würden. Dann verblieben in der Vorlesungszeit 6 Module à 3 Lp = 18 Lp à 30 reale Stunden = 540 reale Stunden auf 14 Wochen = 43 Stunden in der Woche. Das ist mehr als ein Beamter oder Angestellter zu erbringen hat. Nicht eingerechnet ist dabei der immer größere Verwaltungsaufwand, den nicht nur das Prüfungsamt und wir Dozenten, sondern eben auch die Studierenden zu erbringen haben. Nicht eingerechnet sind dabei Aktivitäten im hochschulpolitischen Bereich. Nicht eingerechnet sind Vereinsaktivitäten. Nicht eingerechnet sind Nebenjobs zur Finanzierung des Studiums. 43 Stunden in der Woche – minimum.

Als Konsequenz habe ich am nächsten Tag Alternativen zu Kursgestaltung und zum Leistungsnachweis (im Rahmen der Prüfungsordnung) angeboten. Die Studierenden haben dies sehr positiv und mit viel Dankeschön aufgenommen. Sie haben sich mehrheitlich für folgenden Sitzungsablauf entschieden: zu Hause Vorbereitung der Fachbegriffe, so dass die Sitzung wie folgt ablaufen kann: 30 Min. Nachfragen und Übungen zu den Fachbegriffen anhand von mir ausgewählter Bspp. + 20 Min. Nachdenken über die Fragen zum Neuengl. + 30 Minuten Lösen der Fragen zum Neuengl. + 10 Min. Pause + 45 Min. Übersetzen von mittelalterlichen Texten. Als Leistungsnachweis haben sie sich für folgende Alternative entschieden: Portfolio streichen, Referat in Form einer schriftlichen Zusammenfassung meiner Neueinführung, Klausur wie in der 1. Sitzung vorgestellt (Aufgabentypen wie sie im zentralen Staatsexamen vorgekommen und Aufgabentypen, die ich für den Lehrberuf relevant halte).

Leider ist dadurch das prinzipiell begrüßte Portfolio gestrichen, aber ich hoffe, dass dies zu einem größeren, weil lustvollerem Lernerfolg führt.

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