Joachim Grzega's Blog

26. Juli 2011

LdL im schematisierten Blended Learning an einer FH

Im ablaufenden Semester hatte ich die Möglichkeit, einen zwei parallele Kurse “Business English (Advanced)” an einer FH zu unterrichten. Das Blended-Learning-System dieser FH besteht darin, dass es zwei 4-stündige Präsenz-Sitzungen gibt (am Anfang und in der Mitte; am Ende gibt’s noch eine Präsenzsitzung für die schriftliche Prüfung). Der Rest läuft schematisiert (für alle Business-English-Kurse, unabhängig von den einzelnen Dozenten) auf einer Online-Lernplattform ab, über die die Studierenden sich das Wissen aneignen und bis zu bestimmten Terminen Aufgaben erfüllen. Nur die Onsite-Phasen geben dem Dozenten die Möglichkeit zu einer individuellen Note des Unterrichts. Das war für mich ein toller Anreiz, in den Präsenzsitzungen nicht nur meine Idee von Englisch als echter Weltsprache (nicht als Sprache der Amerikaner) zu vermitteln, sondern auch LdL in solch einem Kontext auszuprobieren. Man hat dabei ja kaum die Möglichkeit, innerhalb eines Semesters eine Beziehung zu den Studierenden aufzubauen. Dabei beschränkte ich mich im Wesentlichen, in der Präsenzsitzung selber Aufgaben zur Wissensvermittlung und zur Leitung einer Aufgabenlösungsphase zu verteilen. Dies hat im einen Kurs (Studierende des Hauptfachs Medienmanagement) sehr gut funktioniert. Im anderen Kurs (meist Studierende des Hauptfachs Baumanagement) spürte ich, dass ich – mit dem gleichen Konzept – in der 2. Sitzung nicht so an die Studierenden rankam. Am Ende der zweiten Präsenzsitzung führte ich eine Feedback-Runde durch, die ein sehr vielschichtiges Bild von Zufriedenen und Unzufriedenen ergab. Einige meinten zwar, etwas dazu gelernt zu haben, aber dass es nicht das war, was sie erwartet hatten. Vor allem hätten Sie mit Blick auf die Klausur mehr Grammatik-Übungen (trotz der schon online zur Verfügung stehenden Übungen) erwartet. Besonders jene Übungen, in denen man induktiv von Beispielen aus eine Regel finden musste oder in denen man kreativ sein musste, kamen nicht so gut an. So wurde explizit gewünscht, dass man erst Regeln an die Hand bekäme, um diese dann auf Einzelfälle übertragen zu können. Dies wurde nach der Sitzung von einer Studentin, die nochmal direkt auf mich zukam, auch nochmal ausführlicher dargelegt. Außerdem war es wohl so, dass ich letztlich nicht der Dozent war, der ursprünglich für Sie angekündigt war und auf den sie sich schon gefreut hatten. Natürlich hätte ich keine Probleme, von induktiv auf deduktiv umzusteigen bzw. hätte ich in der nächsten Sitzung eine Mischung aus induktiven und deduktiven Aufgaben eingebaut. Dies hätte wohl dazu beigetragen, die Studierenden glücklicher zu machen. Aber was mache ich, wenn der Kurs mit der zweiten Präsenzsitzung ja praktisch bereits beendet ist. Ich schrieb nach der Korrektur folgende Rundmail (Eigennamen sind als X wieder gegeben), weil ich, selbst wenn ich nicht mehr die Möglichkeit des Face-to-Face-Gespräches habe, noch in die Zukunft gerichtete Lösungsmöglichkeiten anbieten will – und zwar Lösungsmöglichkeiten, die sowohl zur Zufriedenheit der Studierenden als auch zum Erreichen meiner Unterrichtsziele führen. Das gehört nach meiner Auffassung zu LdL dazu. Die Reaktion zeigte mir, dass es sich gelohnt hat, den Kurs nach der letzten Präsenzsitzung nicht einfach abzuhaken, sondern die Studierenden nochmal per eMail zu kontaktieren. Hier zunächst meine Rundmail:

 

Hallo an alle,

 

jeder der das Assignment rechtzeitig eingereicht hat, hat nun Feedback bzw.
Korrekturhinweise von mir bekommen. Für eine zusätzliche Besprechung könnt ihr gerne eine Skype-Sprechstunde vereinbaren. Eure Auswahl der Aufgaben hat mich jetzt auf etwas gebracht, das ich mit einigen Feedback-Äußerungen unseren letzten Sitzung zu vereinbaren können meine.
Zunächst will ich festhalten, dass ich grundsätzlich an mein didaktisches Modell LdL glaube (Lernen durch Lehren; http://www.ldl.de). Es hat mich noch nie im Stich gelassen – egal ob ich mit Grundschülern, Berufsoberschülern, Gymnasiasten, Uni-Studenten, “mittelalten” und älteren Erwachsenen gearbeitet habe. FH-Studenten sind für mich eine neue Lernergruppe und auch das System der zweifachen Onsite-Blocksitzungen ist neu für mich. Ich habe in meinem ersten Semester an der FHAM wertvolle Erfahrungen sammeln können. Für mich haben sich erneut mehrere positive LdL-Effekte gezeigt — etwa, dass damit jeder aufs aktive Reden gefasst sein muss (und dieses dann auch besser trainiert werden kann), dass damit mehr als nur irgendwelche Fachinhalte trainiert werden können und dass ich damit ein besseren Eindruck vom Leistungsstand der einzelnen Teilnehmer bekommen kann (ich wusste überhaupt nicht, was ich an Englischkenntnissen erwarten kann). Dass der von mir für die zweite Sitzung gewählte Aufbau effektiv und effizient sein kann, hat sich in meiner XXX-Gruppe gezeigt. Auch X hat ja gesagt, dass man durchaus einiges aus der letzten Sitzung für die interkulturelle Kommunikation mitnehmen konnte.
Wenn nun Aspekte für eine Gruppe nicht passen, liegt es nicht am didaktischen Grundkonzept, sondern es sind kleine Stellschrauben, an denen man drehen muss – für mich gilt, die richtigen zu ziehen. Eine Feedback-Äußerung (von X) war, dass man besser erst die Theorie gebracht hätte und dann die Übungen ausgeteilt hätte. Grundsätzlich können beide Richtungen sinnvoll sein – je nach zu trainierender Fertigkeit. Nun habe ich festgestellt, dass die meisten von euch Aufgabe 4 gewählt haben und eher wenige die Aufgaben 5 und 7, die mehr kreatives Schreiben erforderten. Das war in meiner XXX-Gruppe geradezu umgekehrt. Das zeigt mir, dass die meisten von euch offensichtlich lieber mit Dingen arbeiten, wenn sie eine Vorstruktur bekommen oder diese bereits auf etwas anwenden können. Ich sehe es durchaus als meine Aufgabe an, euch Strukturen für die Geschäftskommunikation mitzugeben; andererseits ist es mir auch wichtig, dass ihr trainiert, wie man in unstrukturierten Situation (im unbekannten kalten Gewässer, im Chaos) zurechtkommt. Warum? Weil die Welt von heute so ist, dass wir oft auf unbekannte Situationen stoßen werden und wir dann einfach mit all unserem Wissen das Beste daraus machen müssen. Das gilt insbesondere für die gut bezahlten Jobs. Deshalb meine ich nach wie vor, dass es auch sinnvoll war, die Dialoge vor die Theorie zu stellen. Was man allerdings beim nächsten Mal machen könnte (und evtl.
effektiver wäre), wäre eine Art Sandwich: ein paar Dialoge – Theorie – restliche Dialoge. Ein weitere Möglichkeit wären, mehr Rollenspiele einzubauen – allerdings habt ihr mir ja bereits in der ersten Sitzung zu verstehen geben, dass ihr stattdessen lieber diskutiert.

Ein weitere Herausforderung ist für mich, in der knappen Zeit, die ich bei diesem System mit einer Gruppe verbringen kann, ein Vertrauensverhältnis zwischen uns zu schaffen. Erst durch X habe ich im Übrigen erfahren, dass ihr gewohnt seid, einen Dozenten in einem Fach längerfristig zu haben, während es etwa in Eichstätt gang und gäbe ist, dass man jedes Semester einen anderen Dozenten hat. Da gab es vielleicht ein wenig Enttäuschung.

Bei dem knappen Zeitbudget stellt sich auch die Frage, wie kann ich euch möglichst in allen von mir angedachten Skills fit machen. Ich habe überhaupt keine Probleme damit, dass Fehler gemacht werden oder dass es zu Missverständnissen gekommen ist. Fehler – besser: Irrtümer – und Missverständnisse sind im Training ja sogar äußerst wertvoll. Die Frage ist allerdings, wie gehe ich in dieser knappen Zeit damit um, insbesondere wenn es größere Irrtümer oder Missverständnisse sind. Blitzschnell muss ich entscheiden, selbst das Ruder zu übernehmen oder einen Studenten bzw.
die Gruppe selber solange diskutieren zu lassen, bis man auf die Lösung kommt. Manchmal treffe ich die richtige Entscheidung, manchmal reagiere ich zu schnell und evtl. zu harsch. Alles aber passiert mit dem Ziel, euch zu Leuchttürmen in der globalen Wissensgesellschaft werden zu lassen – auch wenn es “nur” ein Nebenfach sein mag.

Dazu gehört am Besten ein mehr oder minder regelmäßiges, beständiges Training und offenes Feedback von einem Trainer (und Feedback zum Trainer, auf das dieser wieder reagieren kann). Dazu gehört auch, dass man, wenn man die eine Übung beherrscht, sich an den nächsten Schwierigkeitsgrad wagt – da gilt das gleiche wie im Sport und in der Musik. Aber Training muss sinnvoll sein. Nun haben einige gewünscht, dass ich noch mehr Grammatik-Aufgaben gebe bzw. empfehle. Ich war dazu gern bereit, habe mich nun allerdings gefragt, ob bei diesem Wunsch nicht eher die Qualität des Trainings als die Quantität das Problem ist. Immerhin werden auf der Lernplattform neben den rund 100 sehr empfohlenen Übungen noch über 2,200 weitere Grammatikübungen geboten. Erstens frage ich mich, ob diese tatsächlich schon alle durchgearbeitet worden sind. Falls man diese tatsächlich durchgemacht hat und immer noch Übungsbedarf und Unsicherheit verspürt, glaube ich, dass das Problem nicht durch eine größere Menge an Übungen gelöst werden kann. Wo genau das Problem ist, müsste man im Einzelfall erklären. Auch dazu könnt ihr eine Skype-Sprechstunde mit mir vereinbaren.

Soweit meine Anmerkungen. Rückblickend betrachtet denke ich, dass wir doch eine ganze Menge geschafft haben. Die ohnehin Aktiven konnten inhaltlich etwas dazu lernen; diejenigen, die eigentlich nicht gern sprechen, sind zum Sprechen gezwungen worden und haben es doch gemeistert – sie haben sehen können, wo sie noch Trainingsbedarf haben, haben aber auch erleben können, wo sie schon fit sind.

Viel Spaß bei der Vorbereitung auf die Klausur,

Joachim Grzega

 

Hier die Reaktion einer Studentin:

 

Hallo Herr Grzega,

ich kann Sie gut verstehen, dass es schwierig ist in ein neues Territorium zu treten und dort sein Bestmöglichstes leisten zu wollen. Es ist schön mitzubekommen, dass es noch „Lehrer“ gibt, die selbst noch lehren und ihr Wissen weitergeben wollen! Da es heutzutage einfach nicht mehr selbstverständlich ist. Nehmen Sie es sich bitte nicht zu Herzen, dass wir Kritik geäußert haben und denken Sie bitte nicht, dass Ihre Vorlesung nicht den Erwartungen entsprochen haben. Dinge, wie die Sitten in anderen Ländern, sind für die Praxis auf jeden Fall hilfreich, da es allein davon abhängen kann, ob eine Geschäftsbeziehung überhaupt zustande kommen wird.
Wie Sie schon erwähnten, wir sind eine Gruppe, die die Struktur liebt und noch nicht vollkommen ist, dass wir sagen können wir kommen mit allen Situationen zurecht. Wäre es so, wären wir nicht in der FH um zu lernen. Für uns spielt das, was uns in der Prüfung erwarten wird eine Rolle, was zu Verunsicherungen führt und dies wiederum (bei einer Struktur-liebenden-Gruppe) zur Panik vor der Prüfung.
Bitte behalten Sie Ihren Lehrwillen bei und nehmen solche Motivationsbringer wie „ihr habt es trotzdem gemeistert“ mit in Ihre zukünftigen Vorlesungen!

Mit freundlichem Gruß
XX

 

Im Namen aller Studenten habe ich nun außerdem noch folgende eMail erhalten.

 

Hallo Herr Grzega,
ich wollte mich noch einmal im Namen aller für Ihre Email bedanken! Fanden wir alle sehr nett, dass Sie uns diese geschickt haben!
Gruß aus X
XX

 

Noch einmal zusammengefasst: es lohnt sich, über LdL auch in schematisierten Blended-Learning-Systemen nachzudenken, und eslohnt sich, bei Unbehagen (sei es auf Lehrer- oder auf Lerner-Seite nochmal genauer über die positiven Errungenschaften und über Lösungen für noch bestehende Probleme nachzudenken und dies auch der jeweils anderen Seite mitzuteilen).

 

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4 Kommentare »

  1. Respekt! Grossartig, Herr Grzega!

    Kommentar von jean-pol martin — 3. August 2011 @ 19:28

  2. Ich meine die Offenheit des Diskurses mit den Studenten, die dezidierte explorative Art Neuerungen einzuführen, die Bereitschaft, auf Kritik einzugehen aber gleichzeitig auch die eigene Position offensiv und fundiert zu vertreten!

    Kommentar von jeanpol — 3. August 2011 @ 19:41

  3. Danke für die umfangreiche Berichterstattung! Ich sehe, dass noch jemand versucht, auch nach einer Veranstaltung gegebenenfalls offen gebliebene Dinge zu klären 🙂

    Kommentar von Oliver Tacke — 3. August 2011 @ 20:12

  4. […] LdL im schematisierten Blended Learning an einer FH […]

    Pingback von LdL: Joachim Grzegas Mail an seine FH-Studierenden « Jean-Pol Martins Weblog — 4. August 2011 @ 08:47


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