Joachim Grzega's Blog

1. November 2011

Bezeichnungswandel – wie, warum, wozu? Eine Zusammenfassung

Filed under: Lexikologie, Sprachgeschichte — Schlagwörter: , , , — grzega @ 15:36

Seit Bestehen dieses Blogs habe ich versucht, meine jeweils aktuellen Publikationen auch kurz so zusammenfassen, dass die Forschungsergebnisse für eine breitere Öffentlichkeit verständlich und damit zugänglich sind. Dazu hat nach meinem Selbstverständnis die Bevölkerung, die uns mit über Steuern zahlt, ein Recht. Diese Art der Wissensvermittlung möchte ich in unregelmäßigen Abständen nun auch für meine älteren Publikationen nachholen. Beginnen möchte ich dabei mit meiner Habilitationsschrift (dem akademischen Meisterstück, wenn man die Doktorarbeit als akademischen Gesellenstück verstehen will).

Meine Habilitationsschrift habe ich 2003 vollendet. Sie wurde 2004 im Winter-Verlag veröffentlicht und trägt den Titel Bezeichnungswandel – wie, warum, wozu? Ein Beitrag zur englischen und allgemeinen Onomasiologie. Die Onomasiologie ist die Wissenschaft, die von einem Gegenstand oder einer Idee ausgeht und danach fragt, welche Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks, welche Möglichkeiten der Bezeichnung es für diesen Gegenstand oder diese Idee innerhalb einer Sprache oder in mehreren Sprachen gibt. (Die Gegenrichtung ist die Semasiologie: hier geht man von einem sprachlichen Ausdruck, d.h. einem Wort oder eine Wendung aus, und fragt, wofür dieses Wort bzw. diese Wendung steht, was das Wort bzw. die Wendung bedeutet). Die Schrift will ein Beitrag dafür sein, Sprachwandel besser verstehen zu können und auch sprachgeschichtliche Fehlinterpretationen aufdecken zu können.

Nach einem einleitenden Kapitel mit Forschungsüberblick beleuchtet die Habilitationsschrift zunächst einige grundsätzliche Begriffe der Onomasiologie, wobei auch ein neues Bezeichnungsmodell vorgestellt wird, das Ergebnisse der Kognitionsforschung und der Sprachgebrauchsforschung (= Pragmatik) mit berücksichtigt. Dann wird nach der Diskussion bisheriger Literatur eine Gesamtsystematik der Verfahren des Bezeichnungswandels (der Wortbildung, des Bedeutungswandels, der Entlehnung und einiger minoritärer Prozesse) aufgestellt. Dazu wird ein jüngst erstelltes kognitionslinguistisches Raster überprüft und mit anderen jüngeren Vorschlägen zur Systematisierung von Unterverfahren koordiniert. Anschließend wird eine Klassifikation der Bezeichnungswandelkräfte entwickelt. Es wird diskutiert, welche der bisher in der Literatur genannten Erklärungsmuster tatsächlich als Faktoren für Bezeichnungswandel überzeugen können. Am Ende stehen rund 20 Muster, mit denen An Hand von zufällig ausgewählten Beispielen geprüft, ob sich bestimmte Kräfte in der englischen Sprachgeschichte als besonders prominent erweisen. Die theoretischen Aspekte der beiden Hauptkapitel werden durch mehrere Hundert Beispiele aus dem Englischen und anderen Sprachen veranschaulicht. Eine längere Zusammenfassung ist in den Wikipedia-Artikel Onomasiologie geflossen, den ich selbst begonnen habe.

Hier die Erklärungen für Bezeichnungswandel, wie sie auch im Wikipedia-Artikel stehen:

Die Bildung einer neuen Bezeichnung kann auf verschiedene, auch gleichzeitig wirkende Faktoren zurückgehen. Der Gesamtkatalog umfasst folgende Faktoren:

  • Probleme bei der Klassifizierung der Sache oder der lexikalischen Zuordnung, mit der Folge von Bezeichnungsverwechslung
  • lexikalische Verwechslung von Ober- und Unterbegriff aufgrund der Monopolstellung einer bestimmten Sache in einem Sachfeld
  • Kontaktsituationen
  • institutionelle und nicht-institutionelle Sprachpflege
  • Schmeichelei
  • Beleidigung
  • verschleiernde Rede
  • Tabu
  • Vermeidung von Gleich- oder Anklang von Wörtern an negativ-assoziierte Bezeichnungen
  • Abschaffung der Mehrdeutigkeit von Formen im Kontext (Stichwort Homonymenkonflikt),
  • Sprachspiel
  • übermäßige Länge
  • Fehlinterpretationen älterer oder fremder Wortformen (siehe Volksetymologie)
  • Schaffung von Durchsichtigkeit von Wörtern durch Ableiten von anderem Wort
  • Wunsch nach Plastizität (d. h. nach einem eingängigen Benennungsmotiv)
  • naturgegebene Prominenz eines Konzeptes
  • kulturbedingte Prominenz eines Konzeptes
  • Änderung in der Welt
  • Änderung in der Auffassung der Welt
  • Mode/Prestige.

Hier das Wichtigste zu den Verfahrens des Bezeichnungswandels aus dem Wikipedia-Artikel:

Bezeichnungswandel laufen folgendermaßen ab: Bei der beabsichtigten, bewussten Bezeichnungsinnovation muss der Sprecher gegebenenfalls mehrere Ebenen des Wortfindungsprozesses passieren. Dies sind (1) die Analyse der spezifischen Merkmale des Konzeptes, (2) die Auswahl des Benennungsmotivs, (3) die Auswahl der Formen zum Ausdruck des Benennungsmotivs.

Wird nicht ein schon vorhandenes Wort gekürzt, sondern ein gänzlich neues gebildet, so stehen dem Sprecher verschiedene Bezeichnungsverfahren zur Verfügung, z.B.:

  • Übernahme, entweder (a) eines schon bestehenden eigensprachlichen Wortes (Bedeutungswandel, mit mehreren Untertypen) oder (b) eines fremdsprachlichen Wortes (Lehnwort, Entlehnung)
  • syntaktische Rekategorisierung (das heißt Konversion, beispielsweise das Essen vom Verb essen)
  • Zusammenfügungen von vorhandenen Wörtern und Wortbausteinen (beispielsweise Weißwein < weiß und Wein)
  • Tilgung eines Wortbausteines (Ellipse, beispielsweise Weizen < Weizenbier)
  • Kürzung eines Wortbausteines (Clipping, beispielsweise Bus < Omnibus)
  • Symbolisierung eines Wortbausteines (Initialwörter und Kurzwörter, beispielsweise PC < Personal Computer)
  • Kreuzung (beispielsweise englisch brunch < breakfast und lunch; auch Volksetymologie ist eine Kreuzung, entsteht aber unbeabsichtigt)
  • Rückableitung
  • Doppelung (beispielsweise Mischmasch)
  • Veränderung einer vorhandenen Aussprache (beispielsweise Akzentwechsel bei trotzdém und trótzdem)
  • Veränderung einer vorhandenen Schreibweise (beispielsweise Mann und man)

Das Verfahren schließt mit Ebene (4), der tatsächlichen Aussprache, ab.

Um jedoch eine Bezeichnung zu kreieren, die nicht einfach auf der Kürzung eines schon vorhandenen Wortes beruht, müssen erst ein bis zwei physisch und/oder psychisch saliente Bezeichnungsmotive erwählt werden. Die Wahl wird dabei von einer oder mehreren potentiellen kognitiv-assoziativen Relationen zwischen dem zu bezeichnenden Konzept und dem ausgewählten Bezeichnungsmotiv respektive -motiven geleitet. Wichtige Phänomene sind dabei:

  1. die Similarität (= Ähnlichkeit)
  2. die Kontiguität (= Berührung = gleichzeitiges Auftreten)
  3. die Partialität (= Teilsein)
  4. der Kontrast

Folgende Relationen können also wirksam werden:

  • Identität (das heißt man verwendet den gleichen Ausdruck wie in einer anderen Sprache, beispielsweise deutsch Computer aus dem Englischen)
  • figurative, also subjektiv empfundene, Similarität der bezeichneten Dinge, zum Teil mit Kontiguität der bezeichneten Dinge (beispielsweise deutsch Frauenschuh für eine Blume, die aussieht wie ein Frauenschuh)
  • Kontiguität der bezeichneten Dinge, zum Teil mit figurativer Similarität der bezeichneten Dinge (beispielsweise deutsch Glas für ein „Trinkgefäß aus Glas“, deutsch ein Picasso für ein „Gemälde von Picasso“)
  • Partialität der bezeichneten Dinge (beispielsweise bei deutsch Rad für Fahrrad – an dem Transportmittel ist ja noch mehr dran als nur zwei Räder)
  • Kontrast der bezeichneten Dinge (beispielsweise bei der ironischen Bezeichnung Pastorentochter für Prostituierte)
  • buchstäbliche oder figurative Similarität zwischen Zeichen-Ausdruck und bezeichnetem Ding (beispielsweise Lautmalereien wie deutsch schnurren)
  • enger Zusammenhang der Zeichen-Inhalte und „buchstäbliche“ Similarität der bezeichneten Dinge (beispielsweise bei Bedeutungserweiterungen wie deutsch Schirm im Sinne von Regenschirm)
  • enger Zusammenhang der Zeichen-Inhalte und Kontrast der bezeichneten Dinge (beispielsweise deutsch umgangssprachlich lernen im Sinne von lehren)
  • enger Zusammenhang der Zeichen-Inhalte und buchstäbliche Similarität der bezeichneten Dinge und teilweise Kontiguität der Zeichen-Ausdrücke (beispielsweise bei Bedeutungsverengung)
  • (buchstäbliche) Similarität der Zeichen-Ausdrücke (beispielsweise bei Fehlinterpretationen wie Maulwurf von mittelhochdeutsch moltwerf, das eigentlich ‘Erden-Werfer’ bedeutet)
  • Kontiguität der Zeichen-Ausdrücke (beispielsweise bei Kreuzungen wie englisch brunch von breakfast und lunch, aber auch bei Kürzungen wie deutsch Auto von Automobil)
  • buchstäbliche, also objektiv sichtbare, Similarität und Kontiguität der bezeichneten Dinge (beispielsweise bei Verwechslungen von Tanne und Fichte)
  • buchstäbliche Similarität zwischen Referenten und enger Zusammenhang der Zeichen-Inhalte
  • mehrfache Assoziationen (beispielsweise bei einigen Formen der Wortspielerei)

Die konkreten Assoziationen können dabei ohne Vorbild zustande kommen, auf einem eigensprachlichen Vorbild oder auf einem fremdsprachlichen Vorbild beruhen.

Das Modell in seiner Gesamtheit, von der Wahrnehmung der Sache bis zur eigentlichen Versprachlichung, habe ich CoSMOS genannt: Cognitive and Social Model for Onomasiological Studies. Es ist bereits im Oxford Handbook of Compounding aufgenommen und wird noch in zwei weiteren Handbüchern besprochen.

Zu den in meiner Habilschrift verwendeten Sprachbeispielen gibt es auch einen Index in „Summary, Supplement and Index for Grzega, Bezeichnungswandel, 2004″, Onomasiology Online 8: 18-196.)
Vgl. darüber hinaus als Vorarbeiten der Habilschrift:

Mit Marion Schöner habe ich ein Lehrwerk verfasst, das die Erkenntnisse meiner Habilschrift für universitäre Seminare aufbereitet: English and General Historical Lexicology: Materials for Onomasiology Seminars, Eichstätt: Universität.

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