Joachim Grzega's Blog

5. November 2011

Auch in formellen Situationen: Österreichisches Deutsch ≠ Deutsches Deutsch ≠ Bayerisches Deutsch

Filed under: Lexikologie, Pragmatik, Sprachvariation — Schlagwörter: , , — grzega @ 18:37

In meinen ersten Jahren als Wissenschaftler war – nicht zuletzt durch ein Semester Studium in Graz – das Österreichische Deutsch einer meiner Forschungsschwerpunkte. In der Tat verdanke ich meinem Grazer akademischen Lehrer Rudolf Muhr meine erste Publikation – er hat die Hauptseminararbeit, die ich in seinem Kurs verfasst habe, in einen von ihm herausgegebenen Sammelband aufgenommen. Es folgten eine Reihe weiterer Aufsätze. Dabei habe ich stets versucht aufzuzeigen, dass das Österreichische Deutsch im Bereich des Wortbestandes, des Wortgebrauchs und der Kommunikationsstrategien eine eigene Standardvarietät darstellt, die sich auch vom süddeutschen Standard unterscheidet. Gerade der Bereich des Wortgebrauchs und der Kommunikationsstrategien fristete in den 1990er und frühen 2000er Jahren noch ein Mauerblümchen-Dasein. Grundsätzlich war zu beobachten, dass im Deutschen Deutsch der Bereich der formellen Sprache im Vergleich zum Österreichischen Deutsch geringer an Varianten war, die im Österreichischen Deutsch als in formellen Situationen angebracht oder standardsprachlich angesehen werden, werden in Deutschland als “informell”, “in formellen Situationen unangebracht” oder “substandardsprachlich” angesehen wurden. Im Übrigen unterscheiden sich nach meinen Studien die Österreicher auch von Bayern (während andere Studien eine Ähnlichkeit zwischen Bayern und Österreicher betonen, die allerdings soweit ich sehe eher im informellen, dialektalen Bereich zu finden ist). Im Laufe der Jahre habe ich Wörterbücher, TV-Nachrichtensendungen, TV-Talkshows, regionale und überregionale Zeitungen und Zeitschriften, Straßenschilder, Plakate und Postwurfsendungen ausgewertet und auch Befragungen durchgeführt.

Hier einige Beobachtungen: Manchmal bezeichnet ein Wort in den beiden Ländern Unterschiedliches. Der Oberstudienrat etwa ist ein Österreich ein Ehrentitel für Lehrer, in Deutschland ist er mit einer höheren Gehaltsstufe verbunden. Manchmal ist ein Wort in den beiden Ländern unterschiedlichen Stilebenen zuzuordnen. So ist Obmann in Österreich ein normales Wort für ‘Vorsitzender’, in Deutschland ist dieser Ausdruck als gehoben oder veraltend zu bezeichnen. Pfusch ist in Deutschland ‘schlechte Arbeit’, in Österreich ‘Schwarzarbeit’. In den folgenden Wortpaaren kennen Deutsche nur jeweils das zweite Element, während Österreicher beide Formen kennt (und individuell sogar beide Formen je nach Lust und Laune verwendet werden – benutzt ein Individuum mehrere Formen für ein und dieselbe Sache spricht man von “inhärenter Variation”): Nächtigungen ~ Übernachtungen, Unterstandslose ~ Obdachlose, Wettervorschau ~ Wettervorhersage. Bei Torlauf ~ Slalom ist in Deutschland das erste Element zwar nicht gänzlich unbekannt, aber in der Alltagssprache so gut wie inexistent. Zu einer solchen individuellen Formenabwechslung kann man auch ein Phänomen zählen, das man als “Abkürzung der Abkürzung” bezeichnen kann. So findet sich in Printmedien neben SPÖ (Sozialistische Partei Österreichs) noch SP und S, neben ÖVP (Österreichische Volkspartei) noch VP und V, neben AUT (Austria) noch AT und A, neben Dipl.-Ing. noch DI, neben Dipl.-Kfm. noch Dkfm., neben Gesmbh noch GmbH, neben Pädak noch PA, schließlich auch Abkürzungen von Abkürzungen mittels “Punkt-Tilgung” wie an d.h. > dh oder z.H. > zH zu sehen. Unter denn Abkürzungen gibt es sogar Formen, die in Österreich etwas anderes bezeichnen können als in Deutschland. So steht BH in Deutschland nur für Büstenhalter, in Österreich auch für Bezirkshauptmann, Bezirkshauptmannschaft und Bundesheer. Eine US-Untersuchung ist in Österreich nichts politisch Brisantes, sondern eine Ultraschall-Untersuchung. Und eine WC-Abfahrt verlangt keine besondere Toiletten-Konstruktion, sondern ist eine Weltcup-Abfahrt. Solcher Variantenreichtum steht der üblichen Vorstellung einer Standardsprache entgegen, nach der Eindeutigkeit vorherrscht: eine Form ist die “gute”, andere sind nicht-standardsprachlich. Der österreichische Variantenreichtum ist Teil eines Phänomens, das ich als Nonchalance bezeichnet habe.

Der Ausdruck Nonchalance soll sich aber vor allem darauf beziehen, dass in Österreich zwischen Distanzsprache und Nähesprache bzw. zwischen konzeptioneller Mündlichkeit, konzeptioneller Schriftlichkeit, medialer Mündlichkeit und medialer Schriftlichkeit im Vergleich zu Deutschland eher (fließende) Grenzgebiete denn starre Grenzlinien liegen. Ende des 20. Jh. konnte man in österreichischen Nachrichtensendungen Formen hören, die in Deutschland als umgangssprachlich empfunden worden wären, z.B. “Im ORF geht’s dann weiter mit…” (statt “geht es dann weiter”). Andererseits hörte man auch Formen, die nun wiederum in Deutschland als äußerst geschraubt eingestuft worden wären, z.B. ausständig sein statt ausstehen. Liest man sich meine Untersuchung zur österreichischen Nachrichtensprache durch, wird man bei manchen Punkten feststellen, dass hier in den letzten 10 eine Annäherung zwischen deutscher und österreichischer Nachrichtensprache stattgefunden hat. Ich habe vom österreichischen Formenreichtum in formellen Situationen gesprochen.

Was alltägliche Gesprächssituationen betrifft, scheint es Anzeichen zu geben, dass die Menge an Gesprächsmustern, die von einer Mehrheit der Österreicher als typisch ansehen, kleiner ist als die Menge der Deutschen. Dazu ein Blick auf das Small-Talk-Verhalten: Small Talk ist nach Umfragen in Österreich nicht sehr verbreitet, aber wenn er betrieben wird, dann ist das Wetter das typischste Thema (wie auch in Deutschland). Die Mehrzahl der Deutschen hält sowohl Sport als auch Hobbys für typische Small-Talk-Themen, die Österreicher eher das (meist negative) Diskutieren über Politik (bzw. Politiker).

Bezüglich Anglizismen habe ich für das ausgehende 20. Jh. Folgendes feststellen können:

  • Im Sportbereich verwendet österreichische Medien Anglizismen häufiger als deutsche Medien.
  • Im Österreichischen Deutsch (ÖD) gibt es mehr Wörter aus dem Englischen als im Deutschen Deutsch (DD).
  • Ältere Anglizismen (aus dem Britischen Englisch, z.B. Zipp ‘Reißverschluss’, Juice ‘Saft’) gibt es eher im ÖD als im DD (doch waren diese selbst im ÖD rückgängig).
  • Spontane englische Bildungen im individuellen Stil eines Journalisten (z.B. “im politischen Off”) waren eher in österreichischen Medien als in deutschen Medien zu finden. Englische Bildungen zu Werbezwecken waren eher in Deutschland zu finden (z.B. die German Calls ‘Inlandsgespräche’ der Telekom).
  • Österreicher hatten im Vergleich zu Deutschen eine leicht positivere Einstellung gegenüber Anglizismen.

Wer die Punkte nochmal genauer nachlesen, findet hier die entsprechenden bibliographischen Angaben:

  • “Österreichisch, Bairisch, Bayrisch, Deutschländisch – Beobachtungen zu Lexik und Idiomatik”, in: MUHR Rudolf / SCHRODT Richard (eds.), Österreichisches Deutsch und andere nationale Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa, 147-171. [Materialien und Handbücher zum österreichischen Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache 3]. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1997.
  • “Sprachliche Kurzformen im geschriebenen Österreichischen Deutsch”, Deutsche Sprache 27 (1999): 249-263.
  • “O wie ‘Oesterreichisches Deutsch’: Zu dem strukturlinguistischen Argument der Geringfügigkeit lexikalischer Divergenzen zwischen Österreichischem Deutschen und Deutschländisch”, Grazer Linguistische Studien 52 (1999): 73-83.
  • “Österreichische Nachrichtensprache: Paradigmatische und syntagmatische Divergenzen zwischen österreichischer und bundesdeutscher Distanzsprache.“ Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 67 (2000): 53-67.
  • “Beobachtungen zu deutschländisch-österreichischen Divergenzen im Bereich der Anglizismen”, Muttersprache 110: 238-248.
  • “On the Description of National Varieties: Examples from (German and Austrian) German and (English and American) English”, Linguistik Online 7 (2000)
  • “Deutschländisch und Österreichisch: Mehr Unterschiede als nur in Wortschatz und Aussprache”, in: Grzega, Joachim, Sprachwissenschaft ohne Fachchinesisch, 7-26. Aachen: Shaker 2001.
  • “Nonchalance als Merkmal des Österreichischen Deutsch”, Muttersprache 113 (2003): 242-254.
  • “A Few Notes on Conversational Patterns in Germany and Austria”, Journal for EuroLinguistiX 5 (2008): 13-22.
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