Joachim Grzega's Blog

8. November 2011

Sozioökonomische Linguistik – Neue Erkenntnisse

Seit einigen Jahren befasse ich mit sozioökonomischer Linguistik, also dem Zusammenhang zwischen sprachlichen Aspekten und wirtschaftlichen/gesellschaftlichen Aspekten. Nach programmatischen Beiträgen, die 2005 im Journal for EuroLinguistiX und 2006 im Buch EuroLinguistischer Parcours erschienen sind (eine Neuauflage des Buches kommt demnächst heraus!), habe ich mittlerweile empirische Studien durchführen können.

In einer Studie, die nun im International Journal for the Sociology of Languages (Bd. 212, englische Zusammenfassung hier) erschienen ist, habe ich den Zusammenhang zwischen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Erfolg und der Amtssprachenregelungen eines Landes für 197 Länder untersucht. Dabei habe ich die Amtssprachenregelungen zu 12 Typen zusammengefasst. Dann wurde untersicht, wie oft diese 12 Typen unter den Top-10-Ländern bei 72 ausgewählten sozioökonomischen Aspekten vertreten sind. Mittels eines statistischen Test (dem Chi-Quadrat-Test) wurde herausgefunden, dass die unterschiedlich starken Vorkommen der Amtssprachenregelungen unter den Top-10-Ländern äußerst bedeutsam ist. Die Amtssprachenpolitik, die am ehesten mit einem positiven sozioökonomischen Bild in Verbindung gebracht werden kann ist jene, bei der es 1-2 überregionale/landesweite Amtssprachen und mehrere regionale Amtssprachen gibt.

Bereits im vergangenen Jahr, anlässlich Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, habe ich für das Journal for EuroLinguistiX Kommunikationsmuster und sozioökonomische Zahlen miteinander vergleichen. Dabei wurden der sozioökonomische Happy Planet Index (HPI; er berücksichtigt Lebenserwartung, subjektive Lebenszufriedenheit und Ökologischen Fußabdruck), der Human Development Index (HDI; er berücksichtigt Lebenserwartung, Bildungsgrad und Bruttoinlandsprodukt pro Kopf) und teilweise der Human Poverty Index mit 12 Kategorien an Sprachpolitik für offizielle Kontexte und mit 4 Kategorien kulturspezifischer Kommunikationsmuster (wie sie von Geert Hofstede, Richard Lewis und Morrison/Conaway definiert werden) in Bezug gesetzt. Die folgenden Aspekte zeigten statistische Bedeutsamkeit: (1) Der durchschnittliche HPI von sog. individualistischen Ländern (= Ländern, bei welchen der Einzelne im Zentrum steht und sich dies auch im Kommunikationsverhalten ausdrückt) ist schlechter als der durchschnittliche HPI von sog. kollektivistischen Ländern (= Ländern, bei welchen die Gemeinschaft im Zentrum steht). (2) Der durchschnittliche HDI von sog. individualistischen Ländern ist besser als der durchschnittliche HDI von kollektivistischen Ländern. (3) Der durchschnittliche HPI von dialog-orientierten Ländern ist besser als der durchschnittliche HPI von daten-orientierten Ländern. (4) Der durchschnittliche HDI von dialog-orientierten Ländern ist schlechter als der durchschnittliche HDI von daten-orientierten Ländern. (5) Der durchschnittliche HDI von linear-aktiven Ländern (= Länder, in denen kühl, faktenorientiert, planvoll kommuniziert, und zwar ein Thema nach dem anderen) ist besser als der durchschnittliche HDI von multi-aktiven Ländern (= Länder, in denen warm, emotional, schwatzhaft kommuniziert wird, und zwar mehrere Themen gleichzeitig).

Im Übrigen war der gesamte letztjährige Band des Journal for EuroLinguistiX der sozioökonomischen Linguistik gewidmet. Die weiteren Beiträge stammen aus der Feder von Studierenden, die besonders gute Forschungsarbeiten im Rahmen meiner eurolinguistischen Seminare verfasst hatten. In der Regel versuche ich in meinen Eurolinguistik-Seminaren nämlich einen Bezug zum laufenden oder kommenden europäischen Jahresthema herzustellen.

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