Joachim Grzega's Blog

10. November 2011

Von Klammeraffen und Gänsefüßchen: Kultur und Kognition im Spiegel der Satz- und Sonderzeichen

Filed under: Lexikologie, Sprachgeschichte, Sprachvariation — Schlagwörter: — grzega @ 07:02

Man mag es auf den ersten Blick nicht glauben. Aber auch Namen für Satzzeichen und Sonderzeichen einen interessanten Einblick in die Denkweise von Sprechern geben, gerade wenn sie die Bezeichnung nicht sicher beherrschen. Mit diesem Thema habe ich mich vor einigen Jahren im Aufsatz beschäftigt. Ich habe Namen für Satzzeichen in der deutschen Sprachgeschichte gesammelt. Dabei haben die Satzzeichenbenenennungen gezeigt, dass sich Kulturwandel in Bezeichnungswandel bzw. in Veränderungen von Bezeichnungspräferenzen niederschlagen kann. Der augenblickliche Kulturwandel besteht in einer Internationalisierung – vergleiche Slash für Schrägstrich – und Computerisierung – vergleiche Minus für Bindestrich. Die Studie hat aber mittels eines Fragebogens, in dem um die Benennungen von Satzzeichen in einem Text gebeten wurde, auch gezeigt, dass sich in den derzeit lebenden Generationen keine deutlichen Unterschiede in der typischen Bezeichnung zeigen (mit Ausnahme des Klammeraffen). Die Computerisierung hat es auch mit sich gebracht, dass manche Satzzeichen für Sonderzeichen anders verwendet werden. Das, was man heute als Smiley, früher als Mondgesicht bei uns bezeichnet hat, schrieb man früher Punkt, Punkt, Komma, Strich (und umrandete das Ganze noch mit einem Kreis). Manchmal wird das Komma – die Nase – auch weggelassen und/oder der Strich gerundet: K oder J. Die Computer-Tastatur hat uns zu folgender Ersatzlösung gezwungen: Doppelpunkt, Strich, Klammer zu, ergo 🙂 . Und genauso schreiben es manche sogar schon handschriftlich – hier spiegelt sich Kulturwandel am deutlichsten in Satz- und Sonderzeichen wider.

Was ließ sich in der Studie beobachten?

1. Unter den 89 Satzzeichennamen ist die häufigste Gruppe jene der zusammengesetzten Bezeichnungen, deren Namen etwas über die Funktion des Zeichens verrät. Als zweite wichtige Gruppe ragen die Fremdwörter heraus; sie sind meist griechisch-lateinischer Herkunft, doch geben daneben französische und englische Wörter Zeugnis über die Bedeutung dieser Sprachen im heutigen Fremdsprachenunterricht und im Alltag.

2. Unter den 89 Satzzeichennamen der deutschen Sprachgeschichte befinden sich 18 Verkleinerungsformen, d.h. 20,2 % aller Satzzeichennamen bzw. 34,8 % aller einheimischen Satzzeichennamen. Heutzutage ist die Verkleinerungsendung aber nur noch bei Gänsefüßchen üblich. Dies könnte damit zu tun haben, dass Verkleinerungsformen eher den Anschein des Umgangsprachlichen, zumindest des Nicht-Neutralen vermitteln.

3. Bei einigen Zeichen findet sich vereinzelt “Unschärfe in der Bezeichnung”, so einstmals bei der Bedeutung der Termini Komma und Beistrich und den Namen für den Bindestrich, heutzutage vereinzelt bei Bindestrich, Apostroph, Schrägstrich und Akut.

4. Bei den Satzzeichen ist mit Ausnahme der Anfangs- und Schlusszeichen heute wenig Benennungsvielfalt zu vermerken. Dies galt in früheren Epochen nicht – nicht einmal für Komma und Punkt, wo mehrere Bezeichnungen in einer Epoche zu finden sind. Selbst wenn mehrere Bezeichnungen existieren, gibt es stets eine deutlich präferierte Variante, die in mindestens 70 % der Fälle genannt wird; das Komma wird sogar von 97,4 % der Informanten als Komma bezeichnet. Ein ähnlich eindeutiges Bild für die Gegenwart ergibt sich bei den Sonderzeichen.

5. Insbesondere bei den Bezeichnungen für das Ausrufezeichen ist der Gebrauch anders als die Duden-Norm vorgibt.

6. Mit Ausnahme der Bezeichnungen für den Akut und das at-Zeichen, die von der älteren Generation verhältnismäßig schlecht oder gar nicht bezeichnet werden, gibt es keine signifikanten Generationen-Unterschiede.

7. Es hat sich gezeigt, dass die Akademiker teilweise mehr Fehler bei der (auch orthographisch) korrekten Benennung machen als die Nicht-Akademiker, weil sie auf Fremdwörter zurückgreifen, die sie gar nicht beherrschen (bei den Bezeichnungen slash, aigu und at).

8. Die bildhaften Ausdrücke Gänsefüßchen und Klammeraffe waren in allen Informantengruppen sehr gering.

Wer es genauer nachlesen will, hier die bibliographische Angabe:

Von Klammeraffen und Gänsefüßchen: Kultur und Kognition im Spiegel der Satz- und Sonderzeichen.”, Onomasiology Online 8 (2007): 1-16.

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