Joachim Grzega's Blog

19. Dezember 2011

Keine Angst vor negativem Studenten-Feedback! Es lohnt sich!

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre — Schlagwörter: , , , — grzega @ 14:26

Ich habe in diesem Semester zwei Einführungskurse in die Sprachwissenschaft zu unterrichten. In meinen Kursen baue ich spätestens zur Mitte des Semesters eine Art Evaluation ein, besser gesagt: eine Feedback-Runde. Dazu bestimme ich eine Person zum Moderator, gehe hinaus, lasse anonymisiert an die Tafel positive Eindrücke, negative Eindrücke und Verbesserungsvorschläge an die Tafel schreiben, werde dann wieder herein gebeten und kann Stellung zu den Kommentaren geben. Ich versuche möglichst unemotional zu reagieren, selbst wenn eine Bemerkung emotional ist — nach dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg, d.h. mit strenger Trennung von Bedürfnissen und Strategien. Wenn ich einen Kommentar nicht verstehe, erläutert ihn die moderierende Person (oder, aufgrund der lernpartnerschaftlichen Atmosphäre, sogar der Urheber der Äußerung).

Erfreulicherweise waren die Feedbacks in all den Jahren fast immer unter dem Strich positiv. Vor allem die Atmosphäre im Kurs und die Wiederholungsübungen durch Studierende wurden in den letzten Jahren regelmäßig als positiv beurteilt.

Nun ist der Einführungskurs in die Sprachwissenschaft für Studierende erfahrungsgemäß der anspruchsvollste Kurs im ersten Semester und der schwierigste aller sprachwissenschaftlichen Kurse überhaupt – aufgrund der vielen Fachtermini und aufgrund mancher neuen Denkweise. Das steht in aller Regel auch als komplementäre Bemerkung an der Tafel: “Kurs interessant, aber zu umfangreich” oder so ähnlich. So finden viele mein Werk gut zu lesen, aber zu umfangreich zum Lernen. Dazu trägt auch bei, dass ich den Kurs als Einführung in die Sprachwissenschaft allgemein, nicht in die englische Sprachwissenschaft gestalte, sodass Beispiele aus vielen Sprachen in meinem Buch vorkommen. Die Zwischenevaluation gibt mir aber die Möglichkeit, nochmal sehr bewusst zu machen, dass es mir viel weniger um auswendig zu lernendes Faktenwissen (= deklaratives Wissen) geht, sondern darum, dass man überhaupt versteht, wie “bunt” die Sprachenwelt ist, wie “natürlich” und “üblich” (und nicht “seltsam”) bestimmte Ausdrucksweisen sind, wie man Sprache betrachten und analysieren kann – Handlungswissen (= prozedurales Wissen) und geistige Flexibilität stehen also im Vordergrund. Studierende, die frisch von der Schule kommen, müssen manchmal erst wieder verstehen, dass sie nicht alles (unkritisch) auswendig lernen sollen, sie müssen manchmal erst wieder auszuhalten lernen, dass sie nicht alles auswendig lernen können.

Man kann auch nochmal die Motivation für manche Themen begründen – dies kann das jetzige Leben, das zukünftige Berufsleben oder auch das (in Bayern zentral regulierte) Staatsexamen sein.

Neben den üblichen zunächst negativen Punkten, die ich durch die Diskussion dann ausräumen, stand in einer Gruppe diesmal auch ein Negativ-Feedback an der Tafel, das bislang noch nicht vorgekommen war, das ich gar nicht verstand, das ich aber für sehr ernst hielt: “manchmal Bloßstellung von Studierenden”. Dies bezog sich auf folgende Eigenart von mir: Manchmal lass ich eine Studentin oder einen Student so lange an einer Sache arbeiten (etwa Satzanalysen an der Tafel), bis sie bzw. er es ohne Hilfestellungen meinerseits lösen kann. Dies wurde offenbar von mindestens einer Person als Bloßstellung emfpunden. Nur durch so eine Feedback-Runde kam dieser Eindruck auch mir gegenüber zur Sprache und nur durch so eine Feedback-Runde konnte aufgeklärt werden, dass ich dies nicht zur Bloßstellung tue, sondern dass ich, wenn ich sehe, dass das Wissen im Prinzip vorhanden ist, solange trainieren lassen, bis die Person an der Tafel ein Erfolgserlebnis verspürt. Ich habe den Studierenden nochmals sagen können, dass das, was ich im Unterricht tue, nur zum dem Zwecke dient, möglichst alle strahlen lassen zu können – intellektuell und emotional. Die Studierenden haben verstanden, dass ich dies ehrlich meine, und so gingen wir alle positiv gestimmt aus dem Kurs.

Daher mein Rat an alle Lehrenden: keine Angst vor Feedback-Runden. Auch wenn Negatives dabei, kann man es ja, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen und daher auch ohne einen Gegenangriff starten zu wollen, thematisieren, Ziele klären, den Weg beibehalten oder einen neuen Weg finden – um alle (Lehrende und Lernende) positiv zu stimmen.

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1 Kommentar »

  1. Coole Haltung. Zu Hochschuldidaktik habe ich gerade einen kleinen Vortrag gehalten.

    Dreieck, Kreis, Viereck, Stern – das wichtigste, was ich mir merken muss. Die Präsentation dazu findest Du hier:

    http://prezi.com/lswunm-s6fws/dr-stefan-schneider-dreieck-kreis-viereck-stern-hochschuldidaktik-munchen-2012/

    Gruss
    doc
    http://www.drstefanschneider.de

    Kommentar von docstefanschneider — 22. Juni 2012 @ 03:20


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