Joachim Grzega's Blog

31. Dezember 2011

75 Jahre Moderne Zeiten, 75 Jahre Smile: Chaplin’s Modern Times von 1936

Filed under: Unterhaltung/Entertainment — Schlagwörter: , , — grzega @ 00:02

Zum Ende des Jahres noch ein kleiner Jubiläumsgruß. Vor 75 Jahren entstand der letzte Film, der noch als Stummfilm bezeichnet werden konnte. Obwohl der Tonfilm bereits erfunden, drehte Charles Chaplin mit Modern Times (dt. Moderne Zeiten) einen Stummfilm. Der Film bedeutete damit auch das Ende des von Chaplin geschaffenen namenlosen Tramps. Für Sprach- und Kommunikationswissenschaftler ist der Film dennoch interessant, denn Chaplin verzichtet nicht vollkommen auf Ton, nicht mal auf die menschliche Stimme. Viele Geräusche, insbesondere jene von Maschinen, werden wiedergegeben, ebenso Tiergeräusche wie das Bellen eines Hundes (in Min. 32). Für die menschliche Stimme hat Chaplin vier Einsatzbereiche gefunden.

1. Die menschliche Stimme kann Teil einer lärmenden Maschine sein. Die Stimme des Direktors hört man nur, wenn er über den Bildschirm der Maschine seine Befehle erteilt. Ansonsten ist auch er stumm. Und statt des Verkäufers ab Min. 7 hört man die Stimme des automatischen Verkäufers vom Grammophon (die Worte sind dabei eine Persiflage auf die Werbesprache sowie auch auf den Tonfilm, wenn es heißt, dass eine praktische Vorführung es besser zeigen könne als alle Worte). In Min. 30 ertönt ein Nachrichtensprecher aus dem Radio, in Min. 33 ein Werbesprecher aus dem Radio.

2. Mit der menschlichen Stimme werden Geräusche nachgeahmt. Dies scheint der Fall in Min. 11 zu sein, als die Essens-Maschine nicht ganz einwandfrei funktioniert, und in Min. 32 zur Wiedergabe von gurgelnden Mägen (beim Teetrinken).

3. In Min. 75 beginnt ein Männerchor zu singen.

4. In der Szene, in welcher der Tramp als Kellner singen soll, erfindet er, weil er sich den Text nicht merken kann, eine Kunstsprache (Min. 77). So kann Chaplin doch wieder die Pantomime ins Zentrum rücken – ohne die der Inhalt des Liedes nicht verstanden würde.

Ansonsten arbeitet Chaplin mit Aufschriften, Briefen und Texttafeln – manchmal sogar mit solchen Textttafeln, die zum Verständnis gar nicht nötig sind. Der erste (im Prinzip gar nicht notwendige) Zwischentitel kommt erst in Min. 8: “Lunch time.” (was man ja auch mit einer Uhr hätte anzeigen können). In Min. 19 spielt Chaplin mit Worten auf Migranten-Probleme an, wenn sich unter den Gewerkschafts-Demonstranten auch ein spanischsprachiges Schild “Libertad!” (‘Freiheit!’) befindet. Der Rest ist Pantomime, Pantomime, Pantomime. In der letzten Minute sagt der Tramp seiner Freundin pantomimisch, sie solle lächeln – englisch “Smile!”. Dies ist auch der Titel des Songs, den Chaplin für Moderne Zeiten geschrieben hat. Er ist bereits von einer Reihe von Sängern interpretiert worden (darunter Sammy Davis, Perry Como, Judy Garland, Christina Aguilera und Michael Jackson) und wird seit 1966 beim alljährlichen Jerry-Lewis-Telethon als Titelmusik verwendet.

In Zeiten finanzieller Krisen, unsicherer Arbeitsplätze und der weiter auseinander gehenden Schere zwischen Arm und Reich ist der Film auch heute noch von Relevanz und regt zum Nachdenken an. Mit seinem Schluss empfiehlt der Film uns, in jedem Fall aber lächeln gemeinsam voranzuschreiten. Insofern wünsche ich einen lächelnden Übergang ins neue Jahr.

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