Joachim Grzega's Blog

2. Januar 2012

50 Jahre Winnetou-Filme

Filed under: Unterhaltung/Entertainment — Schlagwörter: , , , — grzega @ 00:02

2012 gedenken wir nicht nur Karl Mays 170. Geburtstag und 100. Todestag. Sondern wir gedenken auch des 50. Geburtstages des Winnetou in den von Horst Wendlandt produzierten und Harald G. Petersson geschriebenen Filmen. 1962 trat er zum ersten Mal im Film Der Schatz im Silbersee (S) auf. Ein Jahr später folgte Winnetou 1. Teil (W). Wie Tarzan ist Winnetou als edler Wilder konzipiert. Sprachwissenschaftlich sind die Filme in viererlei Hinsicht interessant.

1. Indianer-Sprachen

In S und W gewinnt der Zuschauer den Eindruck auf verschiedene Indianer-Sprachen zu treffen. Tatsächlich handelt es sich aber um frei erfundene Sätze. Dies wird spätestens an der einzigen Stelle deutlich, in der eine Indianer-Äußerung wörtlich übersetzt sein soll – von Sam Hawkens (ab Spielzeit W 1:10:25):

Apache: Enk a tes Nshu-tininka

Sam: ‘Wir wissen nicht, ob diese Männer schuldig sind.’

Apache: I tu titsa shi akh a ne!

Sam: ‘Wir glauben es, aber wir wissen es nicht.’

Zwischen der ersten und zweiten Apachen-Äußerung gibt es keinerlei Übereinstimmung, in Sam Hawkens’ Übersetzung kommen jedoch in beiden Malen die Wörter ‘wir wissen nicht’ vor. In der Tat müsste zumindest irgendwie die Apache-Wortwurzel go ‘wissen’ und das Apache-Wort dooda ‘nicht’ drinstecken.

Nun kann zwar Nscho-Tschi, der Name von Winnetous Schwester, der ‘Schöner Tag’ bedeuten soll, durchaus die Apache-Wörter für ‘schön’ (ni…sh) und ‘Tag’ (jį) enthalten. Dies geht schon auf Karl Mays Original zurück. Da Karl May im Jahr 1878 (dem Publikationsjahr von Winnetou) gemäß einem Aufsatz von Werner Poppe (im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1972/73) jedoch noch keine Wortlisten von Indianersprachen verwendet hat, dürfte dies auf Zufall beruhen.

2. Ausdrucksweise der Indianer

Auch die Ausdrucksweise der Indianer dürfte rein der Phantasie des Drehautors Harald G. Petersson entsprungen sein. Weder das Buch von Albert S. Gatschet (Zwölf Sprachen aus dem Südwesten Nordamerikas, Weimar 1876) noch modernere Darstellungen von Indianer-Sprachen berechtigen anzunehmen, dass es etwa die gelegentliche Vermeidung der ‘Ich-Form’ und der ‘Du-Form’ gegeben hätte (nach dem Muster von Winnetous Frage an Old Shatterhand “Was hat Old Shatterhand Winnetou zu sagen?” [W 1:06:00]). Das Wort Feuerwasser ist wohl eine Lehnübersetzung des Ojibwe-Wortes ishkodewaaboo, aus ishkodew ‘Feuer’ und aaboo ‘Wasser, Flüssiges’. Das Ojibwe ist eine Algonkin-Sprache und nicht mit dem Apache verwandt. Der Ausdruck Feuerross statt Eisenbahn (in W werden beide Ausdrücke von Indianern verwendet) scheint in Großbritannien in den 1820er als fire-horse entstanden zu sein.

3. “Rothaut”-Akzente i nder Sprache der “Bleichgesichter”

Winnetou, der “edle Wilde”, spricht akzentfrei, also ohne Abweichung von einer Standardaussprache, die Sprache der Bleichgesichter. In S 0:10:40 spricht er seine allerersten Sätze: “Fünf Pferde. Eins trug keinen Reiter. Sie kamen aus dieser Richtung. Hier sind sie abgestiegen. Ihre Spuren führen zur Straße.” Andere Indianer sprechen in S (z.B. 1:08:50) zwar grammatikalisch fehlerlos, aber mit “Ausländer-Akzent”. In W sprechen sie sogar mit “Ausländer-Grammatik”, etwa W 0:07:00: “Er tot. Jetzt du nie erfahren, wo Gold der Apachen. Wie du nun Versprechen halten?” Die Verschränkung von Akzent und moralischer Beurteilung erfolgte bereits bei Karl May. Dort spricht Winnetou “ein sehr reines Englisch”, sein Vater “in einem etwas weniger guten Englisch” und ein böser Indianer “in gebrochenem, aber ziemlich verständlichem Englisch”.

4. Nicht-deutsche Eigennamen

In den Karl-May-Filmen werden, wie es zu dieser Zeit allgemein üblich war, fremde Eigennamen noch mehr eingedeutscht und deren Aussprache mehr an der Schrift orientiert. So wird Utah nicht [´ju:ta], sondern [´u:ta] ausgesprochen und Salt Lake City in der ersten Silbe mit a statt mit offenem o wiedergegeben. Der aus der Sioux-Sprache stammende Gruß How! (im Deutschen auch Hough! — so bei Karl May — oder Hugh! geschrieben) wird zum Teil hou, zum Teil hug statt hau gesprochen.

Wie fern der Sprachrealität die Filme auch sein mögen, der Ausspruch “Mein Bruder!” gehört zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen, und in Zeiten zunehmender Gewalt in Europa kann dies ein schönes Motto neben dem Textauszug aus der Europa-Hymne sein: “Alle Menschen werden Brüder” — ergänzt um die Schwestern.

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1 Kommentar »

  1. Hallo Joachim,
    es ist kein Zufall, dass Nscho-tschi auf Apache „schöner Tag“ bedeutet. Und Hatatitla und Iltschi bedeuten Blitz und Wind. Und auch sonst hat Karl May einige Apache-Wörter in diversen Namen verarbeitet. Er hatte tatsächlich ein Wörterbuch mit Apache-Wörtern. Ich bin gerade auf Recherche nach diesem Wörterbuch und so auf deine Seite gelangt.
    Ja, in der Verfilmung aus den 60igern wurde eine Fantasiesprache verwendet und in der Version von 2016 muss Lakota als „Sprache der Apachen“ herhalten. Schade …
    Liebe Grüße,
    A.

    Kommentar von A. — 29. Dezember 2016 @ 16:14


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