Joachim Grzega's Blog

21. Februar 2012

Internationaler Tag der Muttersprache

Der 21. Februar ist der UNESCO-Tag der Muttersprache. Da stellt sich als erstes, was mit Muttersprache gemeint ist. Wenn wir etwa Deutsch nennen, dann denken viele an die Standardform des Deutschen; eine nicht geringe Zahl von Deutschen wird aber nicht oder nicht nur die Standardsprache von der Mutter gehört haben, sondern den Heimatdialekt bzw. eine Form des Standarddeutschen mit regionaler Färbung. (In manchen Fällen wird die Standardsprache tatsächlich die Muttersprache und der Dialekt die Vatersprache gewesen sein). Und viele denken bei Muttersprache auch gar nicht daran, dass es in ihrem eigenen Land viele Menschen gibt, die eine andere Muttersprache haben als sie selbst. Daher hier ein Beitrag zu zwei Aspekten: (1) Nicht-Standard-Formen in Deutschland, (2) (Standard-)Muttersprachen in Europa.

Nicht-Standard-Formen in Deutschland

Vor 10 Jahren habe ich eine Studie zu meinem Treuchtlinger Heimatdialekt durchgeführt. Ich wollte wissen, inwieweit SchülerInnen ursprünglich dialektale Wörter für bestimmte Dinge noch bekannt sind). Es wurden zum einen einige Fragen gestellt, um Dialektwörter zu entlocken. Zum anderen sollten die SchülerInnen Dinge auf Bildern benennen. Ihnen wurden folgende Dinge gezeigt, darunter Hummel, Maulwurf, Laubfrosch, Weizen, Gerste, Roggen, Hornisse, Libelle Kartoffeln, Walderdbeere, Himbeere, Brombeere. Drittens wurden sie gebeten, die Bezeichnungen für Vater, Mutter und Kind bei einigen Tieren zu nennen, nämlich Hühner, Schweine, Enten, Gänse, Ziegen. Abschließend wurden nicht schon genannte Dialektwörter auf ihre Kenntnis hin geprüft. Es war zu beobachten, dass einige Sachfelder bei den befragten Schülerinnen und Schülern nicht mehr voll bekannt waren (Verwechslung von Dingen), bei anderen Dingen herrschte eher über die korrekte Bezeichnung Unklarheit (Verwechslung von Namen). Die Kenntnis von Dialektwörtern war hauptsächlich gegeben bei affektbeladenen Dingen und bei Dingen, über die die SchülerInnen schon oft gehört hatten. Der Gebrauch von Dialektwörtern beschränkte sich im Wesentlichen auf affektbeladene Konzepte. Ansonsten antworteten die Befragten mit dem Standardausdruck, wenngleich vielfach in ortsüblicher Umgangssprache. Nun betonen einige beim Untergang von Dialektwörtern den Kulturverlust und Verlust von Vielfalt, andere wie Werner Fuld in seinem anregenden Buch Die Bildungslüge von 2005 würden einen noch größeren Verzicht auf Dialektgebrauch und Dialekttoleranz befürworten. Er schreibt auf S. 171-173:

„Es ist ein sonderbares Missverständnis, dass Vielfalt per se etwas Positives sei. [….] Ein Beispiel: Die nicht unwesentlich von einem fränkischen Sponsor abhängige Bayerische Akademie der Wissenschaften finanziert seit knapp vierzig Jahren eine Planstelle zur Erstellung eines „Ostfränkischen Wörterbuchs”, von dem noch kein einziger Band erschienen ist und das, wenn überhaupt jemals, erst im nächsten Jahrhundert fertig wird. Die Arbeit des Lexikographen besteht zum Beispiel darin, an alle 640 ausgewählten Dialektsprecher der Unter-, Mittel- und Oberfranken im bayerischen Regierungsbezirk Fragebögen zu verschicken und auszuwerten. [….] Anstatt Dialekte an den Schulen zurückzudrängen, gibt es in Bayern einen Rekurs auf die Sprechsprachlichkeit, der in den Lehrplan der Grundschulen Eingang gefunden hat. Seit dem Schuljahr 2001/02 kann Lesen durch das phonetische Schreiben gelehrt werden. Das heißt: Dialektöse Kinder lernen nicht mehr die korrekte hochdeutsche Aussprache der Buchstaben, sondern das Kind hört vom Lehrer ein gesprochenes Wort und soll nun mit Hilfe einer Lauttabelle jeden gehörten Laut in den entsprechenden Buchstaben umsetzen. Es wird also einen CD-Player als „ZeDblaier” buchstabieren. […] Die Einführung dieser neuen „Methode” widerspricht allen pädagogischen Erfahrungen und vor allem dem Grundsatz, dass man niemals etwas Falsches an die Tafel schreiben darf, weil sich das die Schüler sofort einprägen. [….] Und dies nur, weil man aufgrund eines musealen Begriffs von „kultureller Identität” Dialekte an Schulen zulässt, anstatt die Verbindlichkeit eines standardisierten Hochdeutsch anzuerkennen.”

Wenn Fuld für die Ausgabe öffentlicher Gelder eine genauere Betrachtung der Kosten-Nutzen-Relation bzw. Effekt und Effizienz bestimmter Wege für ein bestimmtes Ziel, hat er sicher recht. Jedoch: man sollte auch die Chancen sehen, die das Entstehen, der Gebrauch und das Sammeln nicht-standardsprachlicher Formen (seien sie nun regional, altersbezogen oder berufsgruppenbezogen) bieten. Das Integrieren von Formen sollte natürlich nicht dazu führen, dass alles gleichermaßen erlaubt ist. Es sollte vielmehr als Plattform dienen, um über Sprache nachzudenken, d.h. über den Wert bzw. die Funktionen von Standardformen, über den Wert bzw. die Funktionen von Nicht-Standardformen, die Funktionen von Sprache generell, über die angebliche Logik von Standardformen im Vergleich zu Nicht-Standardformen, über die angebliche Logik von Standardformen der standardisierten Muttersprache im Vergleich zu anderen Standardsprachen, das Verhältnis Grundbedeutung und mitschwingenden Assoziationen und schließlich auch über das Verhältnis von Sprache und den Dingen, die sie Bezeichnungen. Bei Studienanfänger der Sprachwissenschaft stelle ich nicht selten, dass bestimmte stereotype Vorstellungen über Logik, Ding=Wort so sehr verankert sind, dass ein Gefühl für das, was Sprache und Variantenvielfalt ist und was Sprache und Variantenvielfalt macht, erst allmählich entstehen kann. Es geht also um einen letztlich bewussteren und sicheren Umgang mit Sprache. Und noch eines, zu dem angeblichen Grundsatz, dass man niemals etwas Falsches an die Tafel schreiben darf, weil sich das die Schüler sofort einprägen. Worauf diese Auffassung des Autors beruht, bleibt unklar, aber dass sie realitätsfern ist, dürfte bei wenigem Nachdenken klar sein, denn dann müssten sich im Umkehrschluss alle auch sofort auch Richtiges an der Tafel einprägen…

(Standard-)Muttersprachen in Europa

Als Eurolinguistik möchte ich auch gerne mit Verweis auf mein jüngstes Buch Europas Sprachen und Kulturen im Wandel der Zeit (S. 261-268) einen Blick auf andere europäische Staaten werfen. In einigen Ländern gibt es Institute, die sich um die Pflege der standardisierten Nationalsprache im Ausland bemühen, z.B.

• das Adam-Mickiewicz-Institut (Polen)
• die Alliance française (Frankreich)
• der British Council (Großbritannien)
• das Goethe-Institut (Deutschland)
• das kastilische Instituto Cervantes und das katalanische Institut Ramon Llull (Spanien)
• die Società Dante Alighieri (Italien)

Auf Grund des emotionalen Interesses an der eigenen Muttersprache und der Tatsache, dass in jedem EU-Land für 70 bis 100 Prozent der Bevölkerung die Mut­tersprache auch nationale Amtssprache ist, wissen vie­le Europäer nicht recht über die Sprachensituation in den einzelnen europäischen Ländern Bescheid. Manchmal sind in einem Land mehrere Sprachen als Amts­sprachen (d.h. als Sprache der staatlichen Ver­waltung) gesetzlich verankert. In et­li­chen europäischen Ländern gibt es nationale Amtssprachen, deren Name nicht (nur) mit den Länder­namen zusammenhängt.

  • Andorra: Katalanisch
  • Belgien: Französisch + Niederländisch + Deutsch
  • Finnland: Finnisch + Schwedisch
  • Irland: Irisch + Englisch
  • Luxemburg: Deutsch + Französisch + Letzebuergisch/Luxembur­gisch
  • Malta: Maltesisch + Englisch
  • Österreich: Deutsch
  • Schweiz: Deutsch + Französisch + Italienisch + Bündnerroma­nisch (Rätoromanisch/Rumantsch)
  • Vatikanstaat: Latein

Manche Amtssprachen haben nur regionale Gültigkeit, z.B.:

  • Deutschland: Dänisch (Südschleswig)
  • Italien: Französisch (Val d’Aosta), Deutsch (Südtirol), Ladi­nisch (Südtirol), Friaul (Friaulisch), Sardisch (Sardini­en)
  • Niederlande: Friesisch (Westfriesland)
  • Österreich: Slowenisch (Kärnten), Kroatisch (Burgenland), Unga­risch (Burgenland)
  • Spanien: Baskisch (Baskenland), Katalanisch (Katalonien), Ara­ne­sisch (Val d’Aran), Galizisch (Galizien).

Nach dem Niedergang des Kommunismus sprach man nicht mehr Tschecho­slowa­kisch, sondern Tschechisch und Slo­wa­kisch und nicht mehr Serbokroatisch, sondern Kro­a­tisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch. Daraus entstehen neue Aufgaben der Sprachnormierung, und man sieht, dass die Unterscheidung von Sprache und Dialekt nicht von sprach­li­chen Kriterien, son­dern vom gesellschaftlich-politischen Willen ab­hängt.

Darüber hinaus gibt es neben den Staatssprachen und amtlichen Regionalsprachen noch eine Reihe von nicht-amtlichen regionalen oder lokalen Minderheitensprachen, die entweder schon lange heimisch (= autochthon) sind, wie etwa das Saami in Lapp­land, oder die mit ihren Spre­chern vor relativ kurzer Zeit zugereist (= allochthon) sind, wie etwa das Tür­kische in Deutschland. Dabei zeichnet sich in Europa ein Nord-Ost-Gefälle ab: geringe Zahl autochthoner Sprachen und hohe Zahl allochthoner Sprachen im Westen, hohe Zahl autochthoner Sprachen und geringe Zahl allochthoner Sprachen im Osten.

Im Maastrichter Vertrag wurde 1992 die Förderung der sprachlichen Vielfalt Europas als Ziel festgehalten (Art. 126). Im gleichen Jahr legte der Europarat einen Entwurf für die Europäische Charta der Re­gional- oder Minderheiten­sprachen vor (endgültige Fassung 1998). Dank sind beispielsweise folgende Sprachen Unterrichtsfächer und/oder Unterrichtsspra­chen (Stand 2007):

• Baskisch in Spanien

  • Dänisch in Deutschland
  • Deutsch in Italien und Rumänien
  • Friesisch in den Niederlanden
  • Kroatisch in Österreich und Rumänien
  • Tschechisch in Österreich und Rumänien
  • Ungarisch in Österreich, Rumänien und Slowenien

Dank der Charta sind auch einige Minderheitensprachen ohne Amtssprachenstatus mittlerweile Unterrichtssprachen und/oder Unterrichtsfächer, etwa:

  • Deutsch in Ungarn, Polen und Litauen
  • Elsässisch in Frankreich
  • Jiddisch in Schweden und Lettland
  • Okzitanisch in Frankreich
  • Romani in Lettland, Ungarn, Österreich, Polen, Schweden, Slowenien, Li­tauen, den Niederlanden und Rumänien
  • Slowenisch in Ungarn und Österreich

Darüber hinaus gibt die Gebärdensprachen. Weltweit verwenden etwa 25 Millionen Men­schen eine Gebärdensprache als Erstsprache. Das erste Land, das die Gebärdensprache in seiner Ver­fassung als Landessprache aufnahm, war Uganda 1995. Die ersten europäischen Länder waren Finnland (ebenfalls noch 1995) und Österreich (2005) (dessen Gebärden­sprache im Übrigen nicht mit der Deutschen Gebärdensprache gleich ist).

All diese Sprachschutz- und Sprachpflegemaßnahmen erfolgen gemäß der offi­ziellen Devise der EU: »In Vielfalt geeint« (ähnlich in Art. 22 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union von 1992). Obschon die Sprachenvielfalt in anderen Teilen der Welt größer sein mag und die euro­päische Realität manchmal vom Gesetzesgedanken verschieden sein mag: Eine derartige, rechtlich garan­tierte Vielfalt an Na­tio­nal­sprachen sowie offiziellen und in­offi­ziellen Minderhei­tensprachen gibt es in keinem anderen Kulturraum. Die juristischen Garantien übertreffen sogar Indien, wiewohl dort ne­ben Hindi und Englisch noch fast 20 weitere Amtssprachen gelten.

Darüber hinaus bietet das Internet eine Plattform, dass selbst kleinere Sprachgemeinschaften ihr Idiom ver­breiten und pflegen können, wie ich in einem Vortrag einmal aufzuzeigen versucht habe. Bei der Internet-En­zy­klo­pädie Wikipedia etwa wer­den auch Versionen auf unter anderem Bündnerro­manisch, Let­ze­buer­gisch, Ale­man­nisch, Friesisch, Platt­deutsch, ja sogar La­tein und Espe­ran­to aufgebaut.

Literaturhinweise

Hier noch einmal die erwähnten Beiträge von mir im Überblick:

  • Grzega, Joachim (2002), “Moderner Probleme und Ergebnisse einer lexikalischen Dialektstudie: Dialektgebrauch, Dialektkenntnis und onomasiologische Kenntnis bei Schülern aus Treuchtlingen”, in: Grzega, Joachim (ed.) (2011), A Recollection of 11 Years of Onomasiology Online (2000-2010): All Articles Re-Collected, 341-363, Eichstätt: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt.
  • Grzega, Joachim (2009), “Zur Stärkung des Status von Sprachen dank Wikimedia.” Journal for EuroLinguistiX 6: 1-12.
  • Grzega, Joachim (2012), Europas Sprachen und Kulturen im Wandel der Zeit, Tübingen: Stauffenburg.
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1 Kommentar »

  1. […] is UNESCO’s International Mother Language Day. If you are familiar with German, see the contribution on my German blog. Like this:LikeBe the first to like this […]

    Pingback von International Mother Language Day « ASEcoLi’s Blog by Joachim Grzega — 21. Februar 2012 @ 12:15


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