Joachim Grzega's Blog

3. März 2013

Erste Erfahrungen mit Sprachworkout in Erwachsenenbildung

Filed under: Eurolinguistik, Sprachdidaktik — Schlagwörter: , , , , — grzega @ 16:26

In den vergangenen Monaten habe ich mein Language-Workout-Konzept weiterentwickelt. Dieses Konzept habe ich nun zum ersten Mal im EHP unter dem Titel SprachFitnessStudio an einer Lernergruppe in einem ganztägigen Intensiv-Seminar erprobt. Der Name ergibt sich aus dem Vergleich der sprachlichen Übungstypen mit sportlichen Trainingseinheiten. Zur Erinnerung: im Gegensatz zur derzeit herrschenden Lehrmeinung, nach welcher der Unterricht rein in der Fremdsprache ablaufen soll, kommt die Muttersprache ganz bewusst zum Einsatz. Die Muttersprache soll aber so genutzt werden, dass sie der “Freund des Fremdsprachenlerners” ist, dass sie also schneller zu Fremdsprachenkompetenzen führt. Dies sieht so aus, dass neue Wörter und Sprachstrukturen sofort in Sätze eingebettet werden. Die Lerner müssen dabei zunächst einfache, später immer komplexere Sätze vom Deutschen in die Fremdsprache übersetzen.

Dabei wird eine Zeitlang Neues mit Altem verknüpft, bis wieder eine reine Wiederholungsphase eingeschoben wird. Zum Teil müssen die Teilnehmer gemäß dem didaktischen Modell Lernen durch Lehren selbst neue Wörter vermitteln und anhand von selbst erdachten Sätzen üben.

Damit neue Wörter besser erinnert werden können, werden den Lernern gleich Eselsbrücken mit angeboten. Ein Beispiel: Die Lerner beherrschen bereits die Wendung “Ici manque …” für “Hier fehlt …”. Dann fährt der Dozent wie folgt fort: “… ‘Ein Teller’ heißt ‘une assiette’. Eselsbrücke: Der Teller ist ‘An der Seite der ServIETTE’. Also: ‘une ASSIETTE’. Was heißt dann ‘Hier fehlt eine Serviette’?”. (Der morphologische Aufbau von Sätzen wird dabei auch anhand von wörtlichen Sätzen wiedergegeben).

Der zweite Übungstyp ist der Austausch von kurzen Frage-Antwort-Spielen, die dann rein in der Fremdsprache ablaufen, zum Beispiel das Fragen nach dem Namen, dem Beruf, dem Wohnort, der Telefonnummer, dem Geburtstag und dem Alter.

Mittagspause war von 12.30h bis 14h. Doch auch hier wurde die Sprach eingesetzt. Um das Mittagessen zu erhalten musste jeder Teilnehmer sagen, welcher Gegenstand bei seinem Gedeck fehlt. Ich gab darüber hinaus einige Informationen zum Verhalten beim Mittagessen in Frankreich und Belgien. Nach dem Mittagessen konnte man auf der Empore des EHP entspannen, im Gruppenraum ein Lied oder ein Video auf französisch ansehen und in der Bibliothek Sprachrätsel lösen oder durch ein französisches Asterix-Heft blättern.

Am Ende des Tages (und auch einige Tage später) konnte ich feststellen, dass meisten Teilnehmer eine ganze Menge Wörter und Strukturen beherrschten. Die Teilnehmer wollten auch eine Fortsetzung haben und die Mund-zu-Mund-Propaganda hat zu weiteren Anmeldungen zum Italienisch-SprachFitnessStudio am 23. März geführt.

Verbesserungsbedarf sehe ich dagegen in folgenden Punkten:

  • Es wurde für einige Situationen sehr viel Stoff präsentiert. Einige Bausteine werde ich durch andere, (subjektiv) „nützlichere“ Elemente ersetzen und die Kompetenzen für gegebene Situationen spiralförmig in Fortsetzungskursen entwickeln.
  • Die Unterschiede zwischen „echten“ Anfängern und „falschen“ Anfängern sollten noch besser aufgefangen bzw. ausgeglichen werden, z.B. durch Intensivierung in einem Teil der Mittagspause (oder während Vorbereitungsphasen für die anderen), durch häufigeres Heranziehen in den Wiederholungsphasen.
  • Die LdL-Abschnitte sollten erhöht werden, allein schon der Abwechslung wegen.
  • Statt von 8.30h bis 18h werden folgende SprachFitnessStudios nur bis 17h. Danach ist die Aufnahmekapazität aufgebraucht. Auch das hat Auswirkungen auf den geplanten Stoff. (Erstaunt hat mich dennoch die große Aufnahmefähigkeit zwischen 14.30h und 16.30h).
  • Es sollten noch mehr (sprach)kulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Die kamen mir im Nachhinein betrachtet etwas zu kurz.

Ich freue mich auf die weiteren SprachFitnessStudios (geplant sind als nächstes Italienisch, Spanisch, Ungarisch, Russisch, Schwedisch).

3 Kommentare »

  1. Ihr erfolg freut mich sehr. Ich bin gerade dabei zu überlegen, ob angesichts 40% personen mit migrationshintergrund in vielen städten deutschlands man nicht grundsätzlich die fehlerakzeptanz drastisch erhöhen sollte. Ich kenne inzwischen viele akademisch ausgebildete zuwanderer (auch in deutschland geboren), die nie die deutsche sprache (vor allem schriftlich) beherrschen werden. Iraner vergessen immer wieder artikel, z.B. Wäre es nicht sinnvoll, auch in offiziellen briefen nun auch fehlerhafte texte zu akzeptieren, wenn sie verständlich sind? Man hätte dann eine breite variation von grammatik und orthographie, die insgesamt als korrekt zu gelten hätten.

    Kommentar von jeanpol — 3. März 2013 @ 19:25

    • Das ginge ja sehr in die Richtung, die ich auch mit Basic Global English (BGE) verfolge. Allerdings könnte sich ein Problem mit Muttersprachlern ergeben, das ich auch bei BGE festgestellt habe. Während die „Fehler“-Akzeptanz im mündlichen Gebrauch hoch ist, ist dies im schriftlichen Kontext nicht gegeben. D.h. wenn der angestrebte Arbeitsplatz sehr mit Schriftverkehr an deutsche Muttersprachler verbunden ist, braucht man vermutlich doch entweder gute Kenntnisse oder gute Korrektoren.

      Kommentar von grzega — 3. März 2013 @ 23:35

      • Ja, genau, das habe ich mir auch gedacht, dass es das BGE-prinzip ist. Und ihr einwand ist völlig berechtigt. Ich möchte aber durch massive „aufklärung“ die anhängern einer „korrekten“ grammatik und orthographie davon überzeugen, dass man durch verzicht auf purismus menschen/arbeitskräften, die man unbedingt braucht, den weg ebnet. Das ist bei mir ein ganz neuer gedanke, der entstanden ist, seitdem ich mit vielen akademisch gebildeten menschen mit migrationshintergrund arbeite, die nur wegen der sprachkorrektheit nie einen angemessenen job finden werden, obwohl sie hervorragend arbeiten! Und das geht uns viel verloren, uns biodeutschen!

        Kommentar von jeanpol — 4. März 2013 @ 08:06


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