Joachim Grzega's Blog

19. Dezember 2011

Keine Angst vor negativem Studenten-Feedback! Es lohnt sich!

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre — Schlagwörter: , , , — grzega @ 14:26

Ich habe in diesem Semester zwei Einführungskurse in die Sprachwissenschaft zu unterrichten. In meinen Kursen baue ich spätestens zur Mitte des Semesters eine Art Evaluation ein, besser gesagt: eine Feedback-Runde. Dazu bestimme ich eine Person zum Moderator, gehe hinaus, lasse anonymisiert an die Tafel positive Eindrücke, negative Eindrücke und Verbesserungsvorschläge an die Tafel schreiben, werde dann wieder herein gebeten und kann Stellung zu den Kommentaren geben. Ich versuche möglichst unemotional zu reagieren, selbst wenn eine Bemerkung emotional ist — nach dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg, d.h. mit strenger Trennung von Bedürfnissen und Strategien. Wenn ich einen Kommentar nicht verstehe, erläutert ihn die moderierende Person (oder, aufgrund der lernpartnerschaftlichen Atmosphäre, sogar der Urheber der Äußerung).

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24. Mai 2009

Beobachtungen zum Studentenverhalten

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre — Schlagwörter: — grzega @ 22:58

Vor kurzem habe ich auf Grund der Aussage meiner Studierenden, man würde aus Arbeitsüberlastung nur noch auf die nächste Klausur lernen, aber im Grunde nichts dauerhaft behalten, meinen Kurs “Introduction to the History of the English Language” entschlackt. Im Austausch mit Kollegen sind nun jedoch noch einige weitere Beobachtungen zu Tage gekommen, die zeigen, dass das Problem ein größeres ist, das mehrere kognitive, lernorganisatorische und soziale Aspekte zu umfassen scheint. Die Beobachtungen sind folgende (sie sind hier pauschaliert und treffen natürlich nicht auf alle Studierende zu).

  • Gemäß Studienbiographien, die eine Kollegin von Studierenden hat erstellen lassen, sind Studierende nicht überlastet – sie kämen nicht auf die nach dem Studienplan gedachten 43 Stunden pro Woche, sondern auf deutlich unter 40 (wobei ich mir das noch nicht im einzelnen angesehen habe).
  • Heutige Studierende halten sich nicht an vom Dozenten erbetene bzw. gesetzte Termine (“Schicken Sie mir das Handout bitte bis Freitag”), sondern schicken es erst kurz vor Bedarf und erwarten dann noch eine Schnellkorrektur vom Dozenten.
  • Heutige Studierende finden es normal, sich während eines Referates oder des Dozentenvortrags zu unterhalten. Sie finden es sogar unangebracht, wenn ein Dozent sie um Ruhe bittet.
  • Heutige Studierende finden es normal, sich in der Bibliothek zu unterhalten.
  • Heutige Studierende finden es normal, zu spät zu kommen.
  • Heutige Studierende bringen Bücher oder Kopiervorlagen nicht mehr an ihren richtigen Platz zurück oder klauen diese sogar.
  • Wenn man auf Wünsche der Studierenden eingeht, kann es passieren, dass sie noch mehr “Erleichterung” fordern – und dies sogar recht energisch. (nach dem Motto “Wenn man jemandem den kleinen Finger reicht, nimmt er gleich die ganze Hand”). Dozenten, die keine Gesprächsbereitschaft für Studierende zeigen, werden dagegen nicht kritisiert.
  • Heutige Studierende finden es zuviel, 20 Seiten pro Woche (zusammengefasste Literatur) für einen Kurs zu lesen.
  • Heutige Studierende klagen über Arbeitsüberlastung, rufen nach Verringerung der Ansprüche und Anforderungen (verweisen dabei gerne auf „einfachere Kurse“ von Kollegen), richten ihre letztliche Bewertung von Kursanforderungen aber nicht danach aus, ob die Anforderungen lerntechnisch etwas bringen könnten.
  • Heutige Studierende kommen mit Werken, die frühere Studierende als leserfreundlich empfunden haben, nicht mehr zurecht.
  • Heutige Studierende lesen Arbeitsanweisungen bisweilen nur teilweise. Bsp.: “Jeder soll Deutschland, ein englischsprachiges Land und ein drittes Land bearbeiten, und zwar #1 Österreich, #2 Frankreich etc.” Ergebnis: #1 bereitet nur Österreich vor, #2 nur Frankreich etc.)

Eine Lösung habe ich noch nicht. Mir scheint auf jeden Fall angebracht, dass in der Kontaktzeit hohe kognitive und soziale Anforderungen gestellt werden müssen, damit die Studierenden ausreichend Training haben.

Andererseits stellt sich auch die Frage: Muss man die intellektuellen Fähigkeiten in einer Gesellschaft trainieren, die sich m.E. nur “Leistungsgesellschaft” nennt, in der aber im Grunde das soziale Netzwerk der entscheidende Faktor für Erfolg ist?

10. Mai 2009

Diskussionen à la „Kunst und Krempel“

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre — Schlagwörter: , — grzega @ 10:05

Angeregt durch die TV-Sendung „Kunst und Krempel“ und durch ein „Auktionsspiel“, das eine Kollegin in ihrem Kurs gemacht hat, habe ich mir für den Kurs “Intercultural and Intracultural Communication” ein Spiel „Trash or Treasure“ ausgedacht. Dazu hatte ich Zettel mit Statements vorbereitet, die “falsch”, “vollkommen richtig” und “teilweise richtig” waren. (D.h. anders als bei „True or False“ gab es abgestufte „Trues“).Die Statements bezogen sich dabei auf die Inhalte der Artikel, die auf die Stunde zu lesen waren. Immer zwei Studierende sollten dann einen Zettel ziehen, gemeinsam laut (= für alle hörbar) miteinander diskutieren (ähnlich der Think-Aloud-Methode bei kognitiven Experimenten), wie wertvoll/richtig die Statements waren, und dann zu einem Urteil kommen.

Das paarweise laute Besprechen, also auch das laute Äußern von Unfertigem fiel den TeilnehmerInnen für mich unerwartet schwer. Ich denke aber, dass dies trainierbar ist. Ich werde dies sicher nochmal austesten.

Neugestaltung nach demokratischer Abstimmung: erste Erfahrung

Filed under: Hochschuldidaktik/Lehre, Sprachgeschichte — Schlagwörter: , — grzega @ 09:59

Nachdem die Kursteilnehmer demokratisch über die weitere Gestaltung des Kurses abgestimmt hatten, war ich zunächst sehr enttäuscht, dass sich manche nicht an die Absprache hielten und sich augenscheinlich nicht auf die Sitzung vorbereitet hatten. Somit ging die Übung, die als schnelle Wiederholung gedacht war, nur langsam voran. Glücklicherweise äußerte auch eine Studentin Unmut, dass sich andere, wenn schon über eine Neugestaltung abgestimmt worden ist, dann sich nicht an die Abmachung hielten.

Etwa die Hälfte der Teilnehmer kam aber dann doch gut rein und konnte gut (auch in Partnerarbeit) argumentierte Lösungsvorschläge für Aufgaben zur Laut- und Formenentwicklung anbieten. Ich werde zukünftig Aufgaben mehr nach der Methode “Think-Pair-Share” durchführen: 1. die Studenten über die Aufgaben allein nachdenken lassen (denn jeder hat sein Denktempo und seine Denkwege), 2. die Studenten kurz über die Lösung austauschen lassen, 3. im Plenum Lösungen anbieten und besprechen lassen.

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