Joachim Grzega's Blog

26. September 2011

Idee einer neuen Sprachlehrmethode aus Anlass des Europäischen Tags der Sprachen

Filed under: Eurolinguistik, Sprachdidaktik — Schlagwörter: , , — grzega @ 07:32

Der 26. September ist der Europäische Tag der Sprachen. Ich will diesen Tag zum Anlass nehmen, daran zu erinnern, dass Basic Global English (BGE) kein Konzept, das andere Sprachen überflüssig machen möchte, sondern den Weg zu ihnen eröffnen möchte. Nachdem ich wissenschaftlich nachweisen konnte, dass BGE ein effektiver Weg ist, ein globale Kommunikationskompetenz bis Niveau B1 gemäß europäischen Referenzrahmen erreichen kann, will ich mich hier dem Erwerb anderer Sprachen widmen und eine neue Sprachlehrmethode vorstellen, die ich Sprachworkout-Methode nennen möchte.

Sie beruht auf den positiven und negativen Erfahrungen, die ich als Lerner und Lehrer in den vergangenen Monaten mit der Michel-Thomas-Methode (MTM) gemacht habe. Die MTM folgt dem sog. generativen Prinzip. Bei der MTM lässt der Lehrer immer komplexere Sätze von der Muttersprache in die Fremdsprache transferieren. Den Anfang bilden Wörter, die in Muttersprache und zu lernender Sprache gleich bzw. ähnlich sind. Positiv empfunden wird bei dieser Methode, dass den Lernern viel Zeit zum Antworten und zur Selbstkorrektur gegeben wird, dass jeder mitdenken muss (weil man erst nach der Aufgabe erfährt, wer die Lösung bringen soll), dass Lernern Merkhilfen und verständliche/nicht-fachsprachliche Grammatik-Erklärungen gegeben werden. Andere Aspekte hingegen scheinen diskutabel.

  • Die Methode läuft rein mündlich, ohne schriftliche Hilfe ab.
  • Für die Aussprache werden keinen so klaren Regeln gegeben wie bei grammatischen Strukturen.
  • Die Methode vermittelt im Wesentlichen grammatische Strukturen. Wortschatzerwerb spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das Meistern von Gesprächsmustern bzw. zusammenhängenden Dialogen spielt überhaupt keine Rolle.
  • Für sehr fremdartige Sprachen werden nicht genug gute Merkhilfen gegeben.
  • Manchmal werden Begriffe verwendet, die in der Fachsprache eine andere Bedeutung haben.

Das bringt mich zu einer überarbeiteten Methode, die ich Sprachworkout-Methode nenne. Sie besteht aus folgenden Prinzipien. Es gibt Übersetzungs- und Gesprächsphasen. Übersetzungsphasen bestehen aus den folgenden Elementen:

  • Am Anfang werden Worttypen, die auch aus der Muttersprache (oder generell aus einer Brückensprache) bekannt sind (Internationalismen, Lehnwörter), Eigennamen und Wörter aus dem Kernwortschatz herangezogen, um Aussprache und Laut-Buchstabe-Entsprechungen dem Lerner auf strukturierte Weise zu vermitteln.
  • Das Vorstellen grammatischer Strukturen inkludiert Minimalpaare, nicht-fachsprachliche Ausdrücke (die nur mit Fachbegriffen ergänzt werden, wenn die Lernergruppe sie kennt oder sie auch in der Alltagssprache bekannt sind). Auch Unregelmäßigkeiten werden nach Ähnlichkeiten gruppiert.
  • Sachfelder und Wortfelder werden ebenso systematisch vorgestellt wie grammatische Strukturen /(zusammen mit Merkhilfen). Die Vermittlung von Wortschatz bedarf ebenso beständiges Wiederholen wie grammatische Strukturen, um explizites deklaratives Wissen (Faktenwissen) in implizites prozedurales Wissen (Handlungswissen) umwandeln zu können (z.B. Wortbildungsmuster, wiederkehrende Bedeutungswandel, lautliche Motivationen, Kollokationen).
  • Es werden kommunikativ relevante Sätze und Satzfolgen einbezogen. Sie bedürfen ebenso beständiges Wiederholen wie grammatische Strukturen. Dieser Aspekt kann mit der Vermittlung von Grammatik und Wortschatz kombiniert werden, wenn ein kurzes Gesprächsdrehbuch vorbereitet wird, das eine hohe Zahl an (paradigmatisch) variablen Bausteinen enthält. Die Bausteine werden erst monologisch heruntergebrochen, dann pseudo-dialogisch von der Lehrkraft präsentiert, dann echt dialogisch durchlaufen, bei dem der Schüler auch nach für ihn relevante Wörtern fragen darf. Es ist ratsam Kopierformeln vor Komplementärformeln zu verwenden bzw. das Muster “Aussagesatz > Und du?” vor dem Muster “Fragesatz > Aussagesatz”.
  • Auf allen Ebenen wird explizites Wissen vermittels Wiederholungen in implizites Wissen umgewandeln.
  • Auf allen Ebenen werden neue Elemente durch “plastisches kontrastives Kollokationieren” eingeführt, d.h. durch das Aufzeigen minimaler Unterscheide ähnlicher Wörter und Strukturen vermittels konkreter Sätze. Neue Elemente werden sowohl mündlich als auch schriftlich (Tafel, Folie, Skript) vorgestellt. Es ist jedoch darauf zu achten, dass beim Trainieren die Schüler dann nicht ablesen.
  • Auf allen Ebenen werden neue Elemente in bekannte Elemente heruntergebrochen. Wörtliche Übersetzungen werden gegeben für Sätze, Wörter aus mehreren Elementen und Wörtern, deren Mehrdeutigkeit lebendig ist.
  • Wie in der MTM besteht der letzte Schritt immer im “Lehrerecho der korrekten Lösung”.

Kommunikative Phasen sind weitgehend frei von der Brückensprache und funktionieren auf eine Frage-Antwort-Weise (z.B. “Wie alt bist du? – Ich bin…”, “Was ist das? – Das ist …”). Die Antworten sollen nicht erfunden werden, sondern der Wahrheit entsprechen. Wenn dem Lerner dazu ein Wort noch nicht bekannt ist, kann er es erfragen (in der Brückensprache, durch Paraphrase oder Pantomime).

Zum Zeitablauf: Blöcke aus ca. 10 Min. dienen zum Einführen neuer Elemente (immer in Verbindung mit bekannten Elementen); dann erfolgt eine reine Wiederholungsphase. Dabei werden alle Kapitel von Anfang an durchwandert (oder durchflogen). Schlecht beherrschte Kapitel werden nochmal eingehend wiederholt. Danach richtet sich die Länge der Wiederholungsphase. Kapitel, deren Beherrschung die Lerner schon gut demonstriert haben, können übersprungen werden.

Es ist auch denkbar, den Kurs rein in der Zielsprache durchzuführen. Hier wird ist der Einsatz von Pantomime und Zeichnungen essenziell.

Im Einklang mit dem LdL-Konzept können sowohl Übersetzungsphasen als auch Gesprächsphasen von Schülerexperten durchgeführt werden. Die Schülerexperten sollten diese Phasen aber vorbereiten können; bei spontaner Übertragung der Lehrerrolle erweisen sich die gewählten Sätze oft als sehr einfach.

Diese Methode eignet sich für das Anfängerniveau. Sobald die Sprache einigermaßen beherrscht wird, sollten die Schüler über Dinge reden, über die sie auch reden wollen, und die Sprachworkout-Methode wird reduziert (und damit auch der Anteil der Brückensprache).

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